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Rituale/Pontifikale, Sakramentar, Kalendar und komputistischer Anhang.

  • AUT
  • 2015-06-01
About the object
Für die Kathedrale Notre-Dame in Le Puy-en-Velay, 11. Jh. (wohl Mitte), Pergament, 276 Blätter(Grundstock bis auf ein Blatt nach fol. 96 ohne Textverlust), 17,5/18 x 11/11,5 cm, Schriftspiegel: ca. 13,5/14 x 8/8,5 cm, 24-28 Zeilen, sorgfältige karolingische Minuskel(e-caudata, vereinzelt noch ae, ct-Ligatur nicht gesprengt, NT-Nexus am Wortende, altertümliche "ro"-Ligatur, die weit in die Oberlänge reicht (z. B. 202r)); einzelne neumierte Abschnitte (11r, 53v- 54r, 56r, 99v, 128v, 153v-154v, 163r-164v, 193v, 200v, 249r,253r) tw. schon mit Blindlinierung. Wissenschaftlich (liturgiegeschichtlich) hoch bedeutende Handschrift, wohl die älteste für diese Diözese nachweisbare. - Durchgehend farbige Initialen, viele mit Flechtwerkdekor. 18 größere Initialen, bemerkenswerte Doppelseite mit zwei sehr großen Flechtwerkinitialen (Vere dignum und Te igitur) mit zoomorphen Motiven. Kanontafelartig gerahmte Tabellen und eine Seite mit Ornamentrahmen um den Schriftspiegel.

Der außergewöhnliche Wert des Codex liegt in seinem von jeder Restaurierung unberührten Zustand, seinem hohen Alter, der einheitlichen Ausstattung und der wissenschaftlich kaum zu überschätzenden Zusammenstellung von (tw. unbekannten?) Texten.
Buchschmuck: Die Flechtwerkbuchstaben können in rote Fortsätze auslaufen, die mit Silhouettenmotiven besetzt sind (z. B. 39v, 143v), mitunter verstecken sich auch zoomorphe Motive: 56r (Vogel im Buchstabenkörper), 73r, 176r (Tierkopf), 237r (die beiden Bögen des runden d aus je einem stilisierten Vogel), 251v (Fisch). Im Sakramentarteil (ab fol. 164r) oft mehrere farbig gestaltete Initialen pro Seite. Bemerkenswert sind die an funktionalistisches Design erinnernden O-Initialen (vor allem 167v) und M-Formen, die aus einer P-Form und ihrem vertikal gespiegelten Gegenpart bestehen (z. B. 244v, 249r).
Hauptschmuck ist die Dekoration der Doppelseite 164v und 165r: Die halbseitige V(ere dignum)-Initiale markiert den Beginn der Präfation, die gegenüberliegende Te (igitur)-Initiale den Beginn des Hochgebetes. Die Initialen sind aus roten Konturleisten aufgebaut, die sich an Punkten, an denen sich Schäfte treffen, und an den Endstellen zu aufwendigem Flechtwerk verknoten. Beide Initialen zusätzlich durch zoomorphe Elemente (Tierköpfe) hervorgehoben. Jeweils Textanschluss in stark ornamentalisierter Zierschrift. Die Schrift der zweieinhalb Zeilen oberhalb der Te-igitur-Initiale zeigt Schriftformen, die so nur aus frühkarolingischen (anglosächsisch beeinflussten) Vorlagen zu erklären sind (cc-a; Epsilon-E vor allem bei Ligaturen). Dieselbe bewusste Rückbesinnung auf traditionelle Formen prägt alle Zierbuchstaben und erklärt auch die Formen des Textanschlusses. Zusammen mit Beobachtungen zur Textüberlieferung, wo Alquin, Abt von Saint-Martin in Tours, eine wichtige Rolle spielt, ist der Initialstil in Tours in der ersten Hälfte des 9. Jhs. als Vorbild wahrscheinlich (z. B. London, BL, Egerton 609). Romanische Rankenmotive fehlen hingegen gänzlich. Zeitnah tritt ein ähnlicher Initialstil in drei Codices für Hugues de Champallement, Bischof von Nevers (Paris, BnF, Ms. lat. 17.333, lat. 9449 [auch mit vergleichbarer Notation], Bibl. Mazarine, Ms. 1708, fol. 61r–154v) auf. Bemerkenswert sind rote oft astartige Ornamente mit Silhouettenblättern am seitlichen Rand, die als Textmarker dienen (z. B. 83r); dieselbe Funktion haben die roten Zeichen am Rand einiger Seiten (141v–144r, 163r). Der Beginn des Rituale-Sakramentar-Abschnitts (11r) mit Rahmenbordüre um den Schriftspiegel. Die ornamentale Gestaltung des Rahmens unvollendet. Der komputistische Anhang (ab 263v) mit rot gezeichneten Schemata und Tabellen (263v–264r fast seitengroße Kreisschemata, 269v, 270r); 264v und 276v kanontafel-artig gestaltete Tabellen.
Einband: Die Buchdeckel fehlen; vom Hinterdeckel ein schmales Holzbrett erhalten. Die Bindung auf drei Doppelbünde bis auf die erste Lage fest. Der Blick auf den unbedeckten Rücken zeigt sonst verborgene Teile eines hochmittelalterlichen Buches. Provenienz: Die Entstehung in Le Puy-en-Velay durch den Eintrag der Kirchweihe und lokaler Heiliger gesichert (s. u.). Der Codex gelangte im (frühen) 15. Jh. nach Böhmen, wie Eintragungen im Martyriologium belegen: 28. Sept. (261r) Nachtrag: Item Prage Wenceslao ducis Boemi; Bestätigung auf fol. 262r: Item in Boem__ in ecclesia Bolosav_ (Alt Bunzlau). Zugehörig der unbestimmbare Besitzvermerk auf fol. 1v: pertinet magistro Johanni und diverse Nachträge.

Inhalt: Rituale (liturgische Anweisungen für den Priester) und Saktamentar (für den Bischof) sind im 11. Jh. noch nicht klar getrennt. Zudem sind die sakramentalen und Weihehandlungen vielfach noch einzelnen Festen des Kirchenjahres zugeordnet und nur tw. abgesondert. Viele der rot bzw. zeilenweise abwechselnd rot und schwarz geschriebenen, ausführlichen liturgischen Anweisungen im Rituale/Pontifikale sind derzeit nicht nachweisbar, in zwei Fällen scheinen Vorlagen Alquins Pate gestanden zu haben (133r, 138r). Die Zusammenstellung der Handschrift als ganze aber auch die Textabfolge der beiden Hauptteile ist für mich bisher nicht nachweisbar. Im Sakramentarteil ist zudem auf die Missae Alquini zu verweisen. 1r–11r (…) 1v Besitzvermerk (s. o.); 2rv Inhaltsverzeichnis (15. Jh.); 4r–10v Fragmentarischer Text (Anfang fehlt) zum Athanasischen Glaubensbekenntnis (vgl. PL 213, Sp. 735); 10v A(ntiphona) Missus est angelus; 11r Sequentia in festivitate omnium sanctorum: Sancta Dei mater virgo benigna Maria (Analecta hymnica 10, 152), ab Strophe 5a (Omnes Domini) neumiert. 11v–164v Rituale/Pontifikale: Vergleiche als Grundlage C. Vogel, R. Elze, Le pontifical romano-germanique du dixième siècle, Vatikan 1963 (PRG). Nachweise zu Texten aus dem Sakramentar nach Deshusses (s. u). Bemerkenswert ist, dass Kernbestände des Pontifikale, vor allem die Personenweihen, nicht aufgenommen wurden. – 11v–21r Taufritus primär auf die Osternachtsfeier bezogen. (…) 20r (in rot) Ordo ad caticuminum fatientum ex pagano sive iudeo: Gentilem hominem cum suscepris (PL 74, Sp. 1127a) – 20v–22r Ordo confirmationis (Firmung) 20v–21r (rot und schwarz) Cum autem baptizati fuerint infantes statuantur per ordinem (…) – 22r–45r Krankenbesuch und -salbung: (...) 29v (rot und schwarz) Tunc si necessitas ungendi cogerit infirmum agatur (…) 39rv Hymnus zur Krankensalbung: Christe cȩlestis medicina patris verus humanȩ (Analecta Hymnica 27, Nr. 208) (…) – 45r–63r Totenoffizien: 45r (rot und schwarz) Incipit ordo in agenda mortuorum: Quod oporteat unum quemque vocationis; 45v Julianus Toletanus, Prognosticon, cap. 16: Inc. Cum extrema vitȩ finis (mit erheblichen Lesarten; vgl. PL 96, Sp. 472) (…) 51v–63r Zwei Totenvigilien. Die Untersuchung der Responsorien (nach Ottosen) erlaubt keine Lokalisierung. (…) – 63r–90r Benedictionale (Segensgebete): (…) 64v–65r (rot und schwarz) Postea vero clerus Ant. cantando circumeunt claustrum et ȩcclesias cum cruce; 65r–67v diverse Orationes (vor allem auch in klösterlichen Orten): Deshusses 3, Nr. 4304 etc.; unter anderem 65v–66r: In scriptorio: Benedicere digneris Deus hoc scriptorium (PRG 2, Nr. 197) – 97v–138v Rituale im Jahreskreis (Ordines romani): 97v–100r Purificatio; 100r–133r Fastenzeit (mit Rituale zur Beichte); 126r Gründonnerstag; 126v–133v Karfreitag (…) 133rv Quando hanc crucem adoramus omne corpus nostrum hereat terrȩ (E. Martène, De antiquis ecclesiae ritibus [1737], Sp. 363f. (als Alquin) (...); 133v–138r Osternacht (...) 137v–138r (rot und schwarz) Baptizatis confirmatisque infantibus pontifex vel sacerdas progrediens; 138r (rot und schwarz) In vigilia pente(costen) ita agitur sicut in sabbato sancto paschȩ: Antequam enim descendantur ad fontes ad baptizandum (vgl. PL 101, Sp. 1225d–1226b: Alquin) – 138v–154v Messgesänge im Jahreskreis beginnend mit dem 4. Adventsonntag: (…) 153v–154v A(ntiphon) Emitte spiritum sanctum tuum (Cantus 992643, a00294, 001796a, 002589, jew. mit Neumen) – 155r–163r Ordo sacerdotalis ad missam; 163v In pent(e)ch(ostem) introitus; griechisch in lateinischen Buchstaben; Veni sancte spiritus (Cantus 005327); jeweils Notation mit Linien (weitgehend Blindlinierung); 164r XII s(unt) abusivas Dei. Hoc est sapiens sine operibus, senex sine religione (Ps-Augustinus); 164r Crucifixum in carne ac sepultum ___ glorificate resurgentemque clemorte adorat (mit Neumen). 164r–253v Sacramentar Nachweise nach Jean Deshusses, le sacramentaire Grégorien, Freiburg/CH 1992. – 164r–167r Canon missae (Deshusses 1, Nr. 1–20); mit großen Initialen zum Vere dignum (164v) und Te igitur (165r); 164v Ite laudantes Deum atque Dominum semper missa est (mit Neumen) – 167r–180v Messgebete (u. a. Jahreskreis, Commune, Kirchweihe, Votivmessen); zu Mariae Verkündigung offenbar Sondergut; ab 174r stark von den Missae Alquini, einer turonensischen Sonderquelle, bestimmt (vgl. Deshusses, 1, S. 64–66; 2, S. 25f.). – 180v–184v Messen für den Zelebranten selbst. Diese Typus grundsätzlich üblich, hier jedoch individuell eine übergroße Anzahl von Formularen (tw. nicht nachweisbar). – 184v–203r Weitere Votivmessen. – 203r Nachtrag, zeitnah: Deshusses 2, Nr. 2564–2566 (Cod. Tu1, Tu2 [aus Saint-Martin de Tours] brechen erstaunlicher Weise einige Worte früher als die hier vorliegende Hs.); 203v leer – 204r–214v Totenmessen – 214v–233v Auswahllektionar – 234r–253v weitere Messgebete im Jahreskreis. Abgeschlossen wird das Sakramentar mit zwei lokalen Offizien: 253r XI kal Aug sancti Menelei conf.: Deus qui hodierna die … famuli tui Menelei anima. Der hl. Meneleus wird als Neugründer des Klosters Menat am 22. Juli gefeiert; 253rv II Non Oct sancte Fidis virg. et mart.: Deus qui inter cetera potentiȩ. Die Heilige (Sainte-Foy) lebte in Agen und wird am 6. Oktober gefeiert; 253v drei Gesänge teilweise mit Neumen: Benedicat nos Deus, Deus noster, benedicat nos, Deus Pater et Filius et Spiritus sanctus. V Benedicat nos sancta magestas et indivisa (?) _tutas (für trinitas?) qui est verus Deus in secula seculorum. V. Benedicat nos sancta trinitas et custodiat nos semper. Amen.
254r–263r Kalendar auf Basis eines Martyriologiums; die Auswahl der Eintragungen ungewöhnlich, römische Betreffe erstaunlich unterrepräsentiert. Ein Vergleich mit dem Martyriologium von Autun (Antissiodorensis) ergibt nur wenige zusätzliche Einträge. Für die Lokalisierung entscheidend ist der Eintrag zum 11. Juli (258v): V ID (…) Aput Anicium dedicatio ȩcclesiȩ sanctȩ MARIȨ virginis (Kirchweih des Mariendoms von Le Puy-en-Velay). Weitere Einträge zu Le Puy bestätigen die Lokalisierung: 1. Feb. (254v): Aput Anicium nat. sancti Agrippani epi. et mart. (Agrippanus, Bischof von Le Puy); 10. Nov. (262r): Apud Anicium sancti Georgii epi. et conf.; 11. Nov. Apud Anicium sanctorum confessorum Evodii, Scrutari (!), Aureliani, Ermentari, Suacri cum so(cio). Die Eintragungen in diesem Codex stellen eine wichtige neue Quelle zur liturgischen Verehrung früher Christen und Bischöfe Le Puys dar. 263v–271r Komputistischer Anhang: (…) 263v–264r zwei Kreisschemata zum römischen Kalender. Identische Schemata in einer in Lyon im 11. Jh. entstandenen Handschrift in London (BL, Sloane 263, 47v–48r; abweichender Begleittext) (…) 264v Kalenderschema in Form einer Kanontafel; 265r–268v Rithmus Dionisii de maio compacto (MGH Poetae 4/2, S. 674–682); 268v–269r Beda venerabilis, Hymnus primus de ratione temporum (vgl. PL 94, Sp. 605–606D) (...) 270v Komputistische Tabelle in Form einer Kanontafel; 270v–271r Inc. Saltus lunȩ de quo varie disputatur a multis doctoribus a Beda ita diffinitur: Quamquam Anatolius et Victorinus et omnes orientales diversa inter se de hac ratione senserint (das Beda-Zitat nicht nachweisbar). – 271v–272v, 276rv Nachträge (15. Jh.); unter anderem ein Offizium zur Glockenweihe; 273r–275v leer.

Dr. Martin Roland, M.A.S. – Wien, im März 2015

Es steht eine umfangreiche wissenschaftliche Erstbeschreibung zur Verfügung, die bei Interesse gerne übermittelt wird. Von Seiten der Wissenschaft besteht großes Interesse an der Bearbeitung des Codex: Eine Studie zu musikwissenschaftlichen Fragen (R. Klugseder, Bedeutende, bisher unbekannte liturgisch-musikalische Quellen aus Salzburg und Le-Puy-en-Velay) wird in den Beiträgen zur Gregorianik 2015 (Festschrift H. Rumphorst) erscheinen. Der Käufer wird ersucht, diese Werte schaffende Zusammenarbeit weiter zu fördern. Provenienz: Europäische Privatsammlung.
Experte: Mag. Andreas Löbbecke

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* Note that the price doesn’t correlate with today’s value, but only relates to the actual end price at the time of the purchase.

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